Die Bundesregierung hat im Juni 2026 eine Luftfahrtstrategie bis 2040 beschlossen. Das Dokument nennt Ziele für Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Forschung im Luftfahrtsektor. Es nennt keine messbaren Zwischenziele, keine benannten Verantwortlichen und kein Verfahren, mit dem die Umsetzung überwacht werden soll. Ein 15-Jahres-Plan ohne Zwischenziele ist kein Steuerungsinstrument, sondern ein Dokument.

Der Plan: Ziele für 2040, keine Meilensteine für 2027

Die Strategie formuliert Absichten für die deutsche Luftfahrtindustrie bis zum Jahr 2040. Sie nennt Nachhaltigkeitsziele, die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen in Forschung und Entwicklung. Sie nennt keine Jahreszahlen zwischen 2026 und 2040, keine messbaren Zwischenschritte und keine Stelle, die jährlich prüft, ob die Umsetzung auf Kurs ist. Laut Reuters-Bericht vom 9. Juni 2026 bleibt unklar, wer für welchen Teil der Strategie verantwortlich ist und wann welche Ergebnisse vorliegen sollen.

Ein Vergleich: Das Vereinigte Königreich hat im Mai 2026 angekündigt, Gesetze zu überprüfen, um die Umsetzungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes zu verbessern. Die Regierung plant, ein Governance-Modell gesetzlich zu verankern, das Innovation, Produktivität und Lieferfähigkeit stärken soll. Der Ansatz sieht vor, dass Ministerien nicht nur Ziele formulieren, sondern auch nachweisen müssen, wie sie diese erreichen wollen und wer dafür verantwortlich ist. Deutschland hat im selben Monat eine Strategie beschlossen, die diese Fragen offen lässt.

Was fehlt: Meilensteine, Dashboard, Verantwortung

Ein 15-Jahres-Plan ohne Zwischenziele kann nicht gesteuert werden. Ohne Meilensteine für 2027, 2028 oder 2030 gibt es keinen Moment, an dem sichtbar wird, ob die Umsetzung funktioniert oder stockt. Ohne benannte Verantwortliche gibt es niemanden, der bei Verzug zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ohne öffentliches Dashboard gibt es keine Transparenz darüber, welche Teile der Strategie umgesetzt sind und welche nicht.

Die britische Regierung hat angekündigt, genau diese Elemente einzuführen. Sie plant, Delivery Units in Ministerien zu verankern, die Umsetzung zu überwachen und Fortschritte öffentlich zu machen. Der Ansatz ist nicht neu: Das Vereinigte Königreich hat zwischen 2001 und 2010 unter der Labour-Regierung eine zentrale Delivery Unit im Kabinettsbüro betrieben, die für die Umsetzung von Regierungsprioritäten verantwortlich war. Die Einheit arbeitete mit Ministerien zusammen, setzte Meilensteine, überwachte Fortschritte und berichtete regelmäßig an den Premierminister. Das Modell wurde später von anderen Ländern übernommen, darunter Kanada, Australien und Malaysia.

Deutschland hat keine vergleichbare Struktur. Es gibt keine zentrale Stelle, die die Umsetzung von Strategien über Ministerien hinweg überwacht. Es gibt keine Kultur, in der Ministerien regelmäßig nachweisen müssen, dass sie ihre Ziele erreichen. Die Luftfahrtstrategie 2040 ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für ein strukturelles Muster: Strategien werden beschlossen, aber die Mechanik der Umsetzung wird nicht mitgeliefert.

Der nächste Schritt: Ergänzung um Controlling und Delivery Unit

Die Strategie kann ergänzt werden. Das Kabinett kann beschließen, jährliche Meilensteine festzulegen, ein öffentliches Dashboard einzurichten und eine Delivery Unit im Verkehrsministerium zu schaffen. Die Einheit würde mit den zuständigen Stellen in Ministerien, Ländern und Industrie arbeiten, Fortschritte überwachen und Hindernisse identifizieren. Das Dashboard würde zeigen, welche Ziele erreicht sind, welche verzögert sind und warum. Die Meilensteine würden sichtbar machen, ob die Strategie auf Kurs ist oder korrigiert werden muss.

Ein solches Modell ist nicht theoretisch. Das Vereinigte Königreich plant, es gesetzlich zu verankern. Kanada hat zwischen 2015 und 2021 eine Delivery Unit im Privy Council Office betrieben, die für die Umsetzung von Regierungsprioritäten verantwortlich war. Die Einheit arbeitete mit Ministerien zusammen, setzte Meilensteine, überwachte Fortschritte und berichtete regelmäßig an den Premierminister. Der Ansatz wurde 2021 aufgelöst, aber die Erfahrung zeigt, dass Delivery Units funktionieren können, wenn sie mit klaren Mandaten und Ressourcen ausgestattet sind.

Deutschland hat die Wahl: Es kann die Luftfahrtstrategie 2040 als Dokument behandeln, das 2040 ausgewertet wird. Oder es kann die Strategie als Steuerungsinstrument behandeln, das jährlich überprüft, angepasst und transparent gemacht wird. Die erste Option erfordert keine Veränderung. Die zweite Option erfordert eine Entscheidung.

Vollzug ist keine Frage des Willens, sondern der Struktur

Die Luftfahrtstrategie 2040 zeigt, dass Deutschland Ziele formulieren kann. Sie zeigt auch, dass die Mechanik der Umsetzung nicht selbstverständlich mitgeliefert wird. Meilensteine, Verantwortung und Controlling sind keine technischen Details, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Plan mehr ist als ein Dokument. Ohne diese Elemente bleibt unklar, ob die Strategie 2040 umgesetzt sein wird oder ob sie 2040 als Beispiel für eine weitere unbeantwortete Absicht dienen wird.

Das Vereinigte Königreich hat entschieden, die Umsetzungsfähigkeit des Staates gesetzlich zu verankern. Deutschland hat die Möglichkeit, die Luftfahrtstrategie 2040 um die Mechanik der Umsetzung zu ergänzen. Die Entscheidung ist nicht eine Frage des Willens, sondern eine Frage der Struktur. Strukturen können verändert werden. Die Frage ist, ob sie verändert werden.

Band 3 „Bauplan" beschreibt, wie aus Beschluss Wirkung wird. Es zeigt, welche Strukturen, Anreize und Mechanismen nötig sind, damit Strategien nicht nur beschlossen, sondern umgesetzt werden. Die Luftfahrtstrategie 2040 ist ein aktuelles Beispiel für die Frage, die der Band beantwortet: Wie wird aus einem Plan ein Ergebnis.