Die Warnung aus Bonn

Im Juni 2026 warnte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, vor einer schleichenden Gefahr: Würden die Umsatzschwellen für die Fusionskontrolle angehoben, würden lokale und regionale Märkte unbemerkt kippen. Bäckereiketten, Apotheken, Stadtwerke, regionale Busunternehmen — Branchen, in denen Wettbewerb auf Stadtebene oder in Landkreisen stattfindet, nicht bundesweit. Die Bundesschwelle liegt aktuell bei 500 Millionen Euro weltweitem Umsatz für das erwerbende Unternehmen und 25 Millionen Euro für das Zielunternehmen in Deutschland. Viele lokale Übernahmen bleiben darunter. Das Bundeskartellamt erfährt von ihnen nicht. Kommunen und Länder haben keine eigene Fusionskontrolle. Zwischen Bundesschwelle und kommunaler Handlungsfähigkeit entsteht ein blinder Fleck.

Keine Meldepflicht für sub-nationale Konzentration

Deutschland kennt keine Meldepflicht für Unternehmenskäufe unterhalb der bundesweiten Schwellenwerte, selbst wenn sie einen lokalen Markt dominieren. Ein Bäckereibetrieb mit 30 Filialen in einer Mittelstadt kann einen Konkurrenten mit 15 Filialen kaufen, ohne dass das Bundeskartellamt davon erfährt — solange die bundesweiten Umsätze unterhalb der Schwelle bleiben. Die Folge: In Einzelhandelsmärkten, im öffentlichen Personennahverkehr, bei Apotheken oder Energieversorgern können sich lokale Monopole bilden, ohne dass eine Wettbewerbsbehörde eingreift. Mundt beschreibt das Risiko als strukturell: Würden die Schwellen weiter angehoben, würde der blinde Fleck größer. Die Zahl der geprüften Fusionen sänke, die Zahl der ungeprüften lokalen Konzentrationen stiege.

Kanada teilt Daten mit Provinzen

Kanada hat dieses Problem erkannt und eine Lösung gebaut. Das kanadische Competition Bureau führt eine Datenbank aller gemeldeten Fusionen und teilt diese Informationen mit den Provinzen. Provinzen haben eigene Wettbewerbsbehörden oder nutzen die Bundesdaten, um lokale Marktkonzentration zu überwachen. Wenn ein Unternehmen in British Columbia einen Konkurrenten kauft und die Bundesschwelle nicht erreicht, kann die Provinz dennoch prüfen, ob der Kauf den Wettbewerb in Vancouver oder Victoria schädigt. Die Datenbank ist kein komplexes System. Sie erfasst Käufer, Zielunternehmen, Branche, Umsatz, Datum. Die Provinzen erhalten Zugriff. Die Entscheidung über eine Prüfung bleibt bei der zuständigen Ebene. Das System trennt Information von Intervention. Es schafft Transparenz, ohne neue Genehmigungsverfahren zu schaffen.

Deutschland: Keine Datenbank, keine Transparenz

In Deutschland existiert keine vergleichbare Infrastruktur. Das Bundeskartellamt erfasst nur die Fusionen, die ihm gemeldet werden. Unterhalb der Schwelle gibt es keine Meldepflicht, also keine Daten. Länder und Kommunen haben keinen Zugriff auf eine zentrale Datenbank von Unternehmenskäufen. Wenn eine Stadt feststellt, dass drei von vier Apotheken in einem Stadtteil demselben Eigentümer gehören, kann sie das Problem benennen, aber nicht systematisch überwachen. Es gibt keine Frühwarnung, keine strukturierte Information, keine Möglichkeit, Muster zu erkennen, bevor ein Markt gekippt ist. Der Föderalismus, der in anderen Bereichen als Argument für Vielfalt dient, wird hier zum Hindernis: Keine Ebene hat die Daten, keine Ebene hat die Zuständigkeit, keine Ebene kann handeln.

Die nächste Frage: Wer baut die Datenbank

Mundts Warnung beschreibt das Problem. Die nächste Frage ist: Wer baut die Lösung. Eine Datenbank aller Unternehmenskäufe, auch unterhalb der Bundesschwelle, wäre technisch einfach. Unternehmen könnten verpflichtet werden, jeden Erwerb oberhalb einer niedrigen Schwelle — etwa 5 Millionen Euro Umsatz des Zielunternehmens — an eine zentrale Stelle zu melden. Das Bundeskartellamt könnte die Datenbank führen, Länder und Kommunen Zugriff erhalten. Die Meldung wäre keine Genehmigungspflicht, sondern eine Informationspflicht. Keine zusätzliche Prüfung, keine Verzögerung, nur Transparenz. Kanada zeigt, dass das funktioniert. Die Frage ist nicht technisch, sondern politisch: Wer entscheidet, dass diese Datenbank gebaut wird, und wer setzt die Meldepflicht durch.

Lokale Märkte, föderale Blindheit

Der blinde Fleck in der deutschen Fusionskontrolle ist ein Vollzugsproblem, kein Gesetzesproblem. Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen existiert, das Bundeskartellamt existiert, die Länder haben Wirtschaftsministerien. Was fehlt, ist die Infrastruktur, die Information von einer Ebene zur anderen fließen lässt. Föderalismus bedeutet nicht, dass jede Ebene blind arbeitet. Er bedeutet, dass jede Ebene die Daten erhält, die sie braucht, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Eine Bundesdatenbank, die Ländern und Kommunen Zugriff auf Fusionsdaten gibt, wäre kein Eingriff in die föderale Ordnung, sondern deren Ermöglichung. Ohne diese Infrastruktur bleibt Mundts Warnung eine Diagnose ohne Therapie.

Was folgt

Die Warnung ist ausgesprochen. Die Lösung ist beschrieben. Kanada hat sie gebaut. Deutschland hat sie nicht. Die Frage ist nicht, ob das Problem existiert — Mundt hat es benannt. Die Frage ist, wer die Datenbank baut, wer die Meldepflicht einführt, wer den Ländern und Kommunen Zugriff gibt. Oder ob Deutschland weiter zuschaut, wie lokale Märkte unbemerkt kippen, weil keine Ebene die Daten hat, die sie bräuchte, um zu handeln.


Band 1 „Freistaat" beschreibt, warum Deutschland Probleme benennt, aber nicht löst — und warum Vollzug nicht an Gesetzen scheitert, sondern an fehlender Infrastruktur. Die Fusionskontrolle ist ein Beispiel. Die Datenbank fehlt nicht, weil sie unmöglich wäre, sondern weil niemand entschieden hat, sie zu bauen.