Eine Umfrage der Associated General Contractors of America unter 1.200 Highway-Contractors hat im März 2025 ergeben, dass 33 Prozent der Unternehmen fünf oder mehr Unfälle in Arbeitszonen pro Jahr verzeichnen. 37 Prozent der Befragten fordern härtere Strafen für Raser in Baustellen, 39 Prozent verlangen eine bessere Durchsetzung bestehender Regeln. Die Zahlen stammen aus einer Branche, die täglich Mitarbeiter in Arbeitszonen schickt und dort auf den Schutz durch Verkehrsregeln angewiesen ist. Die Umfrage zeigt: Selbst dort, wo Regeln existieren, fehlt es an Geltung.
Deutschland erfasst Baustellenunfälle nicht bundesweit einheitlich
In Deutschland gibt es keine zentrale, bundesweit einheitliche Erfassung von Unfällen in Arbeitszonen nach Baustellen-Typ oder nach dem beauftragten Unternehmen. Die polizeiliche Unfallstatistik der Länder unterscheidet zwar zwischen Unfällen mit Personenschaden, aber eine systematische Zuordnung zu Baustellen, geschweige denn zu Auftragnehmern, fehlt. Das Kraftfahrt-Bundesamt veröffentlicht aggregierte Daten zu Unfällen auf Autobahnen, doch eine Aufschlüsselung nach Arbeitszonen oder nach Verursacher im Baustellenkontext ist nicht vorgesehen. Wer Unfälle nicht zählt, kann Wiederholungstäter nicht identifizieren – und Vergabekriterien nicht anpassen.
Die Folge: Unternehmen, die wiederholt unsichere Arbeitszonen einrichten oder deren Baustellen überdurchschnittlich viele Unfälle verursachen, bleiben unsichtbar. Vergabestellen haben keine Datengrundlage, um Sicherheitsbilanzen in Ausschreibungen zu berücksichtigen. Der Staat setzt Regeln, aber er misst nicht, ob sie wirken.
Ontario führt seit 2019 ein Arbeitszonenregister mit Contractor-Zuordnung
Die kanadische Provinz Ontario hat 2019 ein Register für Unfälle in Arbeitszonen eingeführt, das jedes Ereignis mit dem beauftragten Unternehmen verknüpft. Das Ontario Ministry of Transportation veröffentlicht jährlich aggregierte Daten zu Unfällen in Highway-Arbeitszonen, aufgeschlüsselt nach Schweregrad, Ursache und – bei Projekten des Ministeriums – nach Auftragnehmer. Die Daten fließen in die Bewertung künftiger Vergaben ein. Unternehmen mit überdurchschnittlichen Unfallraten müssen nachweisen, welche Maßnahmen sie ergriffen haben, um die Sicherheit zu verbessern. Das System ist transparent: Die Zahlen sind öffentlich einsehbar, die Methodik dokumentiert.
Ontario hat 2023 insgesamt 1.127 Unfälle in Arbeitszonen auf Highways erfasst, davon 14 mit tödlichem Ausgang. Die Daten zeigen, dass 68 Prozent der Unfälle auf überhöhte Geschwindigkeit oder unaufmerksames Fahren zurückgehen. Das Register erlaubt es, Muster zu erkennen: Bestimmte Streckenabschnitte, bestimmte Tageszeiten, bestimmte Baustellentypen. Die Provinz nutzt diese Erkenntnisse, um Beschilderung, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Enforcement-Strategien anzupassen. Der Staat misst, lernt, handelt.
Der nächste Schritt: ein Bundesregister für Arbeitszonenunfälle
Ein Bundesregister für Arbeitszonenunfälle in Deutschland würde drei Dinge leisten. Erstens: Es würde Unfälle in Baustellen systematisch erfassen, nach Ort, Zeit, Schweregrad und – bei öffentlichen Aufträgen – nach Auftragnehmer. Zweitens: Es würde Vergabestellen eine Datengrundlage geben, um Sicherheitsbilanzen in Ausschreibungen zu berücksichtigen. Drittens: Es würde Wiederholungstäter sichtbar machen und Anreize schaffen, Arbeitszonen sicherer zu gestalten.
Die technische Umsetzung ist keine Raketenwissenschaft. Polizei und Straßenbauverwaltungen erfassen bereits heute Unfalldaten und Baustelleninformationen. Was fehlt, ist die Verknüpfung: ein einheitliches Datenmodell, das beide Informationen zusammenführt, und eine Schnittstelle, die Vergabestellen Zugriff gibt. Ontario hat gezeigt, dass ein solches System mit überschaubarem Aufwand aufgebaut werden kann. Die Provinz nutzt eine zentrale Datenbank, die von der Polizei, den Straßenbaubehörden und den Auftragnehmern gespeist wird. Die Daten werden quartalsweise aggregiert und veröffentlicht.
Anreize schaffen, nicht nur Regeln setzen
Die US-Umfrage zeigt, dass Unternehmen selbst härtere Strafen und bessere Durchsetzung fordern. Das ist bemerkenswert: Die Branche, die von Baustellen lebt, verlangt nach mehr Enforcement. Der Grund ist einfach: Unsichere Baustellen gefährden nicht nur Autofahrer, sondern auch die eigenen Mitarbeiter. Unternehmen, die in Sicherheit investieren, wollen nicht gegen Billiganbieter konkurrieren, die Schutzmaßnahmen vernachlässigen. Ein Register schafft hier Transparenz und belohnt diejenigen, die Regeln ernst nehmen.
Deutschland setzt auf Regeln, aber nicht auf Messung. Das Ergebnis: Gute Absichten, schwache Geltung. Ein Bundesregister für Arbeitszonenunfälle wäre ein kleiner Schritt mit großer Wirkung. Es würde keine neuen Gesetze erfordern, sondern nur die konsequente Nutzung vorhandener Daten. Der Staat schuldet seinen Bürgern nicht neue Vorschriften, sondern die Fähigkeit, bestehende durchzusetzen. Dazu muss er zuerst messen.
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